Vor kurzem erhielt die Leitung des UBZ in Ungarn eine gute Nachricht. Die Ulmer Schachtel/ulmi dereglye neben dem Internat der Einrichtung und der nationale ungarisch-deutsche Lehrpfad, der sich ebenfalls auf dem Gelände des UBZ befindet, wurden in die Liste des Kulturerbes des Komitats Bács-Kiskun aufgenommen. Ich habe Péter Csorbai, Deutschlehrer am UBZ und einer der Initiatoren des Ulmer Schachtel-Projekts gefragt, was diese Anerkennung wirklich bedeutet.

  • Die Ulmer Schachtel und der ungarndeutsche Landeslehrpfad wurden in das Werteverzeichnis des Komitats Bács-Kiskun aufgenommen. Was bedeutet diese Auszeichnung?
  •  Als erster Schritt wurde die Ulmer Schachtel in das Werteverzeichnis der Stadt Baja aufgenommen, dann erst konnte sie als Wert für das Komitat nominiert werden. In das jeweilige Werteverzeichnis kann man materielle und geistige, Natur- oder Gemeinschaftswerte nominieren, die mit der Kultur, der Geschichte oder dem materiellen und immateriellem Erbe der ungarischen Nation oder der hier lebenden Nationalitäten verbunden sind. Die Ulmer Schachtel auf dem Gelände des UBZ und der anknüpfende ungarndeutsche Landeslehrpfad möchten der Ansiedlung der Deutschen in Ungarn vor 300 Jahren und den geschichtlichen und gesellschaftlichen Ereignissen seit dieser Zeit ein Denkmal setzen. Weiterhin soll auch die touristische Anziehungskraft von Baja verstärkt werden. Die deutsche Minderheit ist aber nicht nur in Baja präsent, sie ist auch in weiteren Ortschaften der Batschka maßgebend, deshalb bin ich der Meinung, dass die Nominierung der Schachtel und des Lehrpfads als kultureller Wert der deutschen Nationalität berechtigt ist. Es erfüllt mich mit Freude, dass die zuständige Kommission sie ebenfalls für diesen Titel für würdig gefunden hat, was nicht nur eine äußere und objektive Anerkennung unserer Anstrengungen bedeutet, sondern auch hilft das Denkmal bekannter zu machen. Auch diejenigen können auf die Geschichte und den erschaffenen und vertretenen Werten des Deutschtums aufmerksam gemacht werden, die nicht zu dieser Nationalität gehören.
  • Die Ulmer Schachtel wurde 2019 erbaut. Heute ist sie nicht nur eine selbstständige Sehenswürdigkeit auf dem Gelände des UBZ, sondern Teil des ungarndeutschen Landeslehrpfads. Worum geht es bei den einzelnen Stationen? Welche Aussage möchte man vermitteln?
  • Das Motto des Lehrpfads ist „Vergangenheit hat Zukunft” und der Leitgedanke, der sich über die acht Stationen zieht ist die Vorstellung von Gemeinschaften. Die Besucher können eine Art Zeitreise erleben angefangen bei der Ansiedlung im 18. Jh. (Schicksalsgemeinschaft), über die elementarsten Gemeinschaften unseres menschlichen Daseins – die Familie und die Dorfgemeinschaft –, dann weiter über Gemeinschaften im weiteren Sinne (Arbeits-, Sprach- und Religionsgemeinschaften) bis zu den heutigen Gemeinschaften der Ungarndeutschen und sogar bis zur Zukunft. Die Ulmer Schachtel und die Stationen verkünden mit Stolz die Vergangenheit des hiesigen Deutschtums und drücken die Hoffnung aus, dass dieser Nationalität noch eine lange und reiche Zukunft bevorsteht.
  • Wie ist der Lehrpfad in das Programm des UBZ eingebunden?
  • Einerseits bestimmt das 21 Meter lange Schiff das äußere Bild des Instituts, andererseits ist es unser Ziel, dass alle UBZ-Schülerinnen und Schüler während ihrer Zeit bei uns die Ulmer Schachtel sowie die Vergangenheit und die Kultur der Ungarndeutschen kennenlernen.
  • Aus dem ganzen Land kommen Besucher um sich die Stationen anzuschauen. Wer kommt in erster Linie und warum halten sie es für wichtig diese Sehenswürdigkeit aufzusuchen?
  • Vor allem kommen Schülergruppen aus den ungarndeutschen Nationalitätenschulen, bzw. organisieren deutsche Nationalitätenvereine und deutsche Selbstverwaltungen Besuche in Baja. Wir freuen uns aber, dass der Kreis der Besucher immer breiter wird: manche sind an diesem Abschnitt der Geschichte Ungarns interessiert, andere beschäftigt das Thema eher aus der Sicht der Schifffahrt. Jeder ist bei uns willkommen.
  • Baja ist eine multiethnische Stadt. Für die Batschkaer Schwaben sind der Lehrpfad und das UBZ selbst nicht nur eine Geste, sondern ein wichtiger Teil der Identitätsbewahrung. Wie kann man das ungarndeutsche Nationalitätenbewusstsein lebendig erhalten?
  • Es ist wichtig, dass die Nationalität in den Köpfen der Menschen präsent bleibt, dass wir also Denkmäler und Gedenktafeln, aber daneben auch lebendige Veranstaltungen haben. Wir in Baja sind in der glücklichen Lage, dass eine deutsche Nationalitätenselbstverwaltung und auch eine zivile Organisation, der Batschka Deutscher Kulturverein tätig sind, wir haben eine Stiftung, die Gemeinnützige Stiftung für die Ungarndeutschen in der Batschka, die auch den Bau der Ulmer Schachtel koordiniert hat, und man darf natürlich auch das UBZ als Bildungsinstitut nicht vergessen. Jeder ist bemüht, den Interessen der deutschen Gemeinschaft möglichst effektiv zu dienen. Meiner Meinung nach wäre es aber auch wichtig, die geleistete Arbeit auch der breiten Öffentlichkeit noch besser zu präsentieren, auf diesem Gebiet können und sollten wir uns noch entwickeln.
  • Vielen Dank für das Interview!

                                                                                                                                                                                                                      Antal Fiedler